DIE FRÜCHTCHEN IM KAUFHOF
Ein Schaufenster erzählt Geschichten von Ferne, Faszination und Klimabilanz.

Wenn Jan Koemmet von seinem ersten Besuch im Wuppertaler Kaufhof erzählt, klingt es fast wie eine Szene aus einem nostalgischen Weihnachtsfilm. Acht Jahre alt, an der Hand der Mutter, aufgeregte Menschen im Gedränge, das Leuchten der Schaufenster, die Fahrt mit der Schwebebahn – und schließlich die Feinkostabteilung im Untergeschoss, in der Käse, Pralinen und exotische Früchte wie Mango oder Papaya ein Fest der Sinne versprachen. „Es war, als würde ich eine kleine Reise in fremde Welten unternehmen“, erinnert er sich.

Viele Jahre später kehrt Koemmet an eben diesen Ort zurück – diesmal nicht als Konsument, sondern als einer von sechs ausgewählten Künstler*innen im Rahmen des Projekts „Kunst ohne Konsum – Reichtum für die Sinne“. Die Stadt Wuppertal hatte im Rahmen des Förderprogramms InnenBandStadt zur Gestaltung der leerstehenden Schaufenster des ehemaligen Kaufhofs aufgerufen. Dort, wo früher Preisschilder lockten, sollen nun künstlerische Positionen entstehen, die Fragen nach Erinnerung, Wandel und Zukunft stellen.

Koemmets Beitrag trägt den ironischen Titel „Früchtchen“. Streng grafisch angeordnet, wie in einer Galerie, erscheinen leuchtende Bilder tropischer Früchte. Doch unter den bunten Oberflächen finden sich Zahlenkolonnen: die Kilometer, die Avocado, Mango oder Papaya zurückgelegt haben, um auf unseren Tellern zu landen. Ein doppeltes Bild also – Verführung und Kritik, Farbenpracht und Klimabilanz.

Mit „Früchtchen“ stellt Koemmet diese Ambivalenz ins Schaufenster. Er macht sichtbar, wie eng Ernährung, Konsum und Stadtentwicklung miteinander verbunden sind. Die exotische Frucht wird zum Symbol für Fragen, die weit über das Obstregal hinausreichen: Wie nachhaltig ist unser Genuss? Welche Verantwortung tragen Städte, wenn es um gesunde Ernährung, faire Handelsbedingungen und regionale Wirtschaftskreisläufe geht?

Der ironische Titel verstärkt die Spannung. „Früchtchen“ – das ist im Deutschen ein neckischer, fast liebevoller Ausdruck für jemanden, der frech oder ungezogen ist. Genau so tritt auch das Werk auf: bunt, verführerisch, aber zugleich provokant. Es fordert das Publikum heraus, die eigenen Gewohnheiten nicht nur anzuschauen, sondern zu hinterfragen.

Dass gerade Koemmet dieses Spannungsfeld aufgreift, passt zu seinem Lebensweg. In Solingen geboren, machte er zunächst Karriere als Gitarrist in der Heavy-Metal-Band Accept und später mit seiner eigenen Formation Bad Steve. Nach Tourneen und Plattenveröffentlichungen öffnete er sich neuen künstlerischen Wegen: Musical-Orchester, ein Studium in Design, Kunstgeschichte und Medientheorie, eine preisgekrönte Designagentur. Koemmet ist ein Grenzgänger zwischen Populär- und Hochkultur, zwischen Klang, Bild und Theorie.

Seine Biografie liest sich wie eine Landkarte künstlerischer Vielseitigkeit: Opernchorsänger in Wuppertal, Bandgründer von Lion Twin, Solokünstler mit dem Album „Loewenstern“, Dozent an Hochschulen in Düsseldorf, Kassel, Wuppertal und Mannheim. Und immer wieder die Suche nach Verbindungen – zwischen Musik und Gesellschaft, Kunst und Engagement.

In den letzten Jahren hat Koemmet seine Energie stärker auf das Politische gerichtet. Mit dem Klima-Musical Hitzefrei, gefördert vom Kulturministerium NRW, schuf er ein Werk, das Klimakrise und Rassismus literarisch verarbeitet. Als Aktivist bei Extinction Rebellion mischt er im öffentlichen Raum mit, gibt als Transformationsgestalter klimafreundliche Kochkurse und zeigt, wie saisonale Küche CO₂-Emissionen reduzieren kann.

So fügt sich auch das Schaufensterprojekt in Wuppertal stimmig in sein Gesamtwerk ein: Kunst als ästhetisches Erlebnis – und als Impuls zur Reflexion. Wo früher Konsumträume glänzten, stellt Koemmet nun Fragen: Wie nachhaltig ist unser Genuss? Welche Rolle spielt Ernährung für Stadtentwicklung? Und was bedeutet Reichtum, wenn er nicht in Waren, sondern in Sinnen, Ideen und Gemeinschaft gemessen wird?

Mit „Früchtchen“ knüpft Jan Koemmet an eine persönliche Kindheitserinnerung an – und schlägt zugleich den Bogen in die Zukunft. Sein Werk macht aus einem leerstehenden Schaufenster nicht nur eine kleine Galerie, sondern einen Resonanzraum für eine Gesellschaft, die lernen muss, Lust und Verantwortung neu auszubalancieren.

(Text: Julija Rubin)

DIE „FRÜCHTCHEN“ IM KAUFHOF
Ein Schaufenster erzählt Geschichten von Ferne, Faszination und Klimabilanz.

Wenn Jan Koemmet von seinem ersten Besuch im Wuppertaler Kaufhof erzählt, klingt es fast wie eine Szene aus einem nostalgischen Weihnachtsfilm. Acht Jahre alt, an der Hand der Mutter, aufgeregte Menschen im Gedränge, das Leuchten der Schaufenster, die Fahrt mit der Schwebebahn – und schließlich die Feinkostabteilung im Untergeschoss, in der Käse, Pralinen und exotische Früchte wie Mango oder Papaya ein Fest der Sinne versprachen. „Es war, als würde ich eine kleine Reise in fremde Welten unternehmen“, erinnert er sich.

Viele Jahre später kehrt Koemmet an eben diesen Ort zurück – diesmal nicht als Konsument, sondern als einer von sechs ausgewählten Künstler*innen im Rahmen des Projekts „Kunst ohne Konsum – Reichtum für die Sinne“. Die Stadt Wuppertal hatte im Rahmen des Förderprogramms InnenBandStadt zur Gestaltung der leerstehenden Schaufenster des ehemaligen Kaufhofs aufgerufen. Dort, wo früher Preisschilder lockten, sollen nun künstlerische Positionen entstehen, die Fragen nach Erinnerung, Wandel und Zukunft stellen.

Koemmets Beitrag trägt den ironischen Titel „Früchtchen“. Streng grafisch angeordnet, wie in einer Galerie, erscheinen leuchtende Bilder tropischer Früchte. Doch unter den bunten Oberflächen finden sich Zahlenkolonnen: die Kilometer, die Avocado, Mango oder Papaya zurückgelegt haben, um auf unseren Tellern zu landen. Ein doppeltes Bild also – Verführung und Kritik, Farbenpracht und Klimabilanz.

Mit „Früchtchen“ stellt Koemmet diese Ambivalenz ins Schaufenster. Er macht sichtbar, wie eng Ernährung, Konsum und Stadtentwicklung miteinander verbunden sind. Die exotische Frucht wird zum Symbol für Fragen, die weit über das Obstregal hinausreichen: Wie nachhaltig ist unser Genuss? Welche Verantwortung tragen Städte, wenn es um gesunde Ernährung, faire Handelsbedingungen und regionale Wirtschaftskreisläufe geht?

Der ironische Titel verstärkt die Spannung. „Früchtchen“ – das ist im Deutschen ein neckischer, fast liebevoller Ausdruck für jemanden, der frech oder ungezogen ist. Genau so tritt auch das Werk auf: bunt, verführerisch, aber zugleich provokant. Es fordert das Publikum heraus, die eigenen Gewohnheiten nicht nur anzuschauen, sondern zu hinterfragen.

Dass gerade Koemmet dieses Spannungsfeld aufgreift, passt zu seinem Lebensweg. In Solingen geboren, machte er zunächst Karriere als Gitarrist in der Heavy-Metal-Band Accept und später mit seiner eigenen Formation Bad Steve. Nach Tourneen und Plattenveröffentlichungen öffnete er sich neuen künstlerischen Wegen: Musical-Orchester, ein Studium in Design, Kunstgeschichte und Medientheorie, eine preisgekrönte Designagentur. Koemmet ist ein Grenzgänger zwischen Populär- und Hochkultur, zwischen Klang, Bild und Theorie.

Seine Biografie liest sich wie eine Landkarte künstlerischer Vielseitigkeit: Opernchorsänger in Wuppertal, Bandgründer von Lion Twin, Solokünstler mit dem Album „Loewenstern“, Dozent an Hochschulen in Düsseldorf, Kassel, Wuppertal und Mannheim. Und immer wieder die Suche nach Verbindungen – zwischen Musik und Gesellschaft, Kunst und Engagement.

In den letzten Jahren hat Koemmet seine Energie stärker auf das Politische gerichtet. Mit dem Klima-Musical Hitzefrei, gefördert vom Kulturministerium NRW, schuf er ein Werk, das Klimakrise und Rassismus literarisch verarbeitet. Als Aktivist bei Extinction Rebellion mischt er im öffentlichen Raum mit, gibt als Transformationsgestalter klimafreundliche Kochkurse und zeigt, wie saisonale Küche CO₂-Emissionen reduzieren kann.

So fügt sich auch das Schaufensterprojekt in Wuppertal stimmig in sein Gesamtwerk ein: Kunst als ästhetisches Erlebnis – und als Impuls zur Reflexion. Wo früher Konsumträume glänzten, stellt Koemmet nun Fragen: Wie nachhaltig ist unser Genuss? Welche Rolle spielt Ernährung für Stadtentwicklung? Und was bedeutet Reichtum, wenn er nicht in Waren, sondern in Sinnen, Ideen und Gemeinschaft gemessen wird?

Mit „Früchtchen“ knüpft Jan Koemmet an eine persönliche Kindheitserinnerung an – und schlägt zugleich den Bogen in die Zukunft. Sein Werk macht aus einem leerstehenden Schaufenster nicht nur eine kleine Galerie, sondern einen Resonanzraum für eine Gesellschaft, die lernen muss, Lust und Verantwortung neu auszubalancieren.

(Text: Julija Rubin)